"The Blogosphere Map" –
Weblogs als verteilte Informationsfilter

Gernot Tscherteu,
realitylab / Austria,
Hollandstrasse 8/2, 1020 Wien
gt@realitylab.at,
www.realitylab.at,
+43 1 218 63 00 99
Christian Langreiter,
synerge / Austria,
6336 Langkampfen
chris@langreiter.com,
www.langreiter.com,
+43 5332 88 049 77
 

Abstract:

Dieses Papier beschäftigt sich mit einem wichtigen Makroeffekt von Weblogs: Dem Filtern und Strukturieren von Information. Die Vor- und Nachteile dieser "subjektiven" Form der Informationsverarbeitung durch Weblogs werden anhand eines Vergleiches mit "objektiven" Ordnungen (TopicMaps) diskutiert. Es wird ein Modell für eine "Blogosphere Map" präsentiert, mit der die Informationsflüsse zwischen Weblogs visualisiert werden können, um so den (Macro-) Prozess des Informationfiltering besser nachvollziehen und den Ursprung einer bestimmten Information lokalisieren zu können. Ordnungen werden dabei als gleichermassen analytische wie konstruktive Werkzeuge zur Produktion von Wissen und Medienwirklichkeiten betrachtet.

Proposal:

1. Ordnung als Abbildung vs. Ordnung als Konstruktion

Die Art und Weise, wie wir Ordnungen sehen, und was wir von ihnen erwarten, spiegelt unsere Sicht auf die Wirklichkeit wieder. Meistens wird die "Wirklichkeit" so behandelt als würde sie unabhängig von uns existieren und sich durch geeignete Mittel der Beobachtung und Messung in Modellen abbilden lassen. Andere, gemeinhin als Konstruktivisten bezeichnet, glauben vielmehr daran, dass die Wirklichkeit eine Konstruktion ist, die wir durch physische und kulturelle Wahrnehmungsapparate hervorbringen. Dementsprechend ist Ordnung für die einen ein möglichst getreues Abbild realer Verhältnisse und für die anderen ein Werkzeug zum Erfassen und Verändern von Wirklichkeit.

Diese Doppelrolle im Prozess des Ordnens wird bei keinem Medium besser ersichtlich als bei Weblogs. Zum einen protokollieren Autoren ihre Erfahrungen und Neuigkeiten innerhalb und ausserhalb des Internets: Doch es handelt sich dabei längst nicht mehr um passive Beobachter. Diese Beobachtung werden selbst Teil des Mediums und seiner Entwicklung.

Gerade diese Rückbezüglichkeit ist faszinierend und verdient unsere besondere Aufmerksamkeit: Durch die Weblogbewegung entsteht mitten im Internet eine Art Metamedium, in der Entwicklungen des Netzes und darüber hinausgehende Entwicklungen wahrgenommen und verarbeitet werden können; Nicht von einzelnen Individuen und auch nicht auf kollektive, zentral koordinierte Weise sondern in einer unkontrollierten, vernetzten Form, die sich selbst organisiert und zu spontanen Ordnungen führt. Weblogs schaffen ein Sphäre von Rekursionen und Interkonnektivität die dichter und dynamischer ist als der Rest des Internets; in ähnlicher Weise wie die Anzahl von Nervenzellen und ihre Verknüpfungen im Gehirn dichter sind als anderswo.

 

2. Geplantes vs. selbstorganisiertes Knowledge-Management.

Der besondere Wert dieser selbstorganisierten Form der Produktion von Ordnung, der als Makroeffekt quer durch die Blogosphere stattfindet, wird deutlicher, wenn man bedenkt, mit welchen Problemen und Schwierigkeiten ein System zu kämpfen hätte, das generalstabsmäßig Inhalte zu ordnen versucht. TopicMaps mögen hier als Vergleich dienen :

  • es braucht eine zentrale Koordination, zumindest der Standards und Formate.
  • das Erstellen von Ordnungsstrukturen erfordert geschulte Fachkräfte.
  • es ist höchst zweifelhaft, dass eine "objektive" Ordnungsstruktur tatsächlich von allen akzeptiert wird.
  • Themen sind zeitaktuell und je nach Brisanz mehr oder weniger mit anderen Themen verknüpft.

Im Gegensatz dazu funktionieren Weblogs als verteilter Filter der ununterbrochen Neuigkeiten verarbeitet. Er funktioniert vor allem deshalb, weil Tausende Individuen an der Informationsverarbeitung teilnehmen und sich an eine Handvoll von Konventionen halten. Diese zwei Umstände (Anzahl der Nutzer und Konventionen) sind das größte Kapital der Weblogbewegung. Sie generieren ein sich selbst organisierendes Knowledge-Management.

 

3. Die Blogosphere-Map

Unsere Blogosphere Map versteht sich dementsprechend nicht bloß als Abbildung von Informationsflüssen sondern auch als Werkzeug zur Erkundung und Veränderung des gesamten Informationsraumes. Die Map stellt im Gegensatz zu blogstreet nicht bloß die Neighbourhood eines Weblogs dar und sondern ermöglicht es den Ursprung einzelner NewsItems zurückzuverfolgen. Über einen längeren Zeitraum betrachtet und im Zeitraffer abgespielt lassen sich so die Ströme an Informationen visualisieren, die durch ein Weblog hindurchfliessen.

Wir sind dabei das technische Konzept und die Interaktion für unsere Blogosphere Map detailliert auszuarbeiten und würden uns freuen, unsere Überlegungen und Ergebnisse in Gestalt eines Prototyps bei BlogTalk präsentieren zu können.