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Einleitung
1. Medien sind
kulturelle Räume

2. Epik als
kultureller Raum

3. Bewußtsein und
Denken ohne Schrift

4. Das Alphabet: Motor
kultur. Veränderung

5. Zum Vergleich:
Chin. Schriftkultur

6. From "Personal" to
"Social Computing"

7. Internet:
Weben am Mythos

8. Internet: Virtualität
und Gemeinschaft

Epilog
Literaturverzeichnis

EINLEITUNG

Auch wenn es in dieser Arbeit nur zum Teil um den Computer und Computertechnologie geht, so steht sie insgesamt doch ganz unter dem Zeichen der technischen und medialen Entwicklung der letzten zehn Jahre: Die Anzahl der Heimcomputer hat sich vervielfacht, und sehr viele Arbeitsplätze haben sich durch den Computereinsatz entscheidend verändert. Denken wir nur an unsere Arbeit als Wissenschafter: Die vorliegende Arbeit wurde mit einem Texteditor verfaßt; sie würde mit der Schreibmaschine geschrieben wohl völlig anders aussehen. E-Mail ist für viele von uns zu einer praktischen und selbstverständlichen Kommunikationsform geworden. Die Publikationen von wissenschaftlichen Arbeiten im World Wide Web nehmen rasant zu, und die bequeme Suchbarkeit und augenblickliche Verfügbarkeit von Texten gestatten neue Arbeitsstile und neue Formen der Zusammenarbeit. Wie hat sich unsere Arbeit als Wissenschafter durch den Computer und das Internet verändert? Wie wird wissenschaftliche (Zusammen-)Arbeit in der Zukunft aussehen? Ich möchte von diesem Beispiel ausgehend die allgemeinen Fragestellungen dieser Arbeit entwickeln.

Frage 1: Wie verändern Medien Kultur und kulturelle Entwicklung?

Während wir als Zeitgenossen der Computerentwicklung hautnah überprüfen können, ob bzw. wie sich unser Leben durch "neue Medien"[1] zu verändern beginnt, verwenden wir "alte" Medien wie etwa die Schrift oder das Buch meist mit einer Selbstverständlichkeit, so als wären Lesen und Schreiben die selbstverständlichsten Tätigkeiten von der Welt. Wie sehr die Entstehung der Schrift die kulturelle Entwicklung betroffener Gesellschaften beeinflußt hat, ist nur wenigen bewußt; und doch spannt die Auseinandersetzung mit unserer "Mediengeschichte" erst jenen Horizont auf, vor dem wir aktuelle Entwicklungen leichter einordnen und bewerten können. Aus diesem Grund widme ich mich in den Kapiteln zwei bis fünf der Frage, was uns alphabetisierte Menschen von Nicht- bzw. Andersliteralisierten unterscheidet, bzw. welche konkreten Einflüsse der Literalisierungsprozeß auf die kulturelle Entwicklung der antiken griechischen Gesellschaft und das Bewußtsein ihrer Individuen gehabt hat. Die Altphilologie hat auf diesem Gebiet sehr viel geleistet, besonders herausragend sind aber die ethnologischen Arbeiten von Milman Parry und Albert Lord, die oral verfaßte Kulturen auf dem Balkan untersuchten. Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden im Kapitel zwei präsentiert und in Kapitel drei durch Arbeiten des russischen Psychologen Alexander Luria ergänzt, der den Literalisierungsprozeß in Usbekistan in den zwanziger und dreißiger Jahren diese Jahrhunderts untersuchte. Kapitel zwei behandelt das Handwerk und die Kultur der Erzählung, während sich Kapitel drei mit der Frage beschäftigt, ob Nicht-Literalisierte anders denken als Literalisierte. Kapitel vier beschäftigt sich mit den Veränderungen, die das Alphabet im antiken Griechenland ausgelöst hat und versucht die Auswirkungen der Technologie des Schreibens auf die Philosophie und die frühen Wissenschaften sowie auf die individuelle Selbstwahrnehmung zu rekonstruieren. Ziel diese Rückblicks ist es nicht, Oralität, Literalität und neueste Medienentwicklung in eine Kette teleologischer Entwicklung, etwa im Sinne einer zunehmenden "Verbesserung" von Kommunikation, aufzureihen. Es geht vielmehr - im Sinne Walter Ongs - darum, Oralität, Literalität usw. als eigene "kulturelle Räume"[2] mit je spezifischen sozialen und kulturellen Formen und je spezifischen Denk- und Bewußtseinsformen darzustellen. Kapitel fünf, das sich mit der chinesischen Schriftkultur beschäftigt, soll dementsprechend zeigen, daß es keine universellen Formen medialer Entwicklung gibt und daß sich selbst die Folgen von Schrift je nach Schrifttypus und kulturellen Rahmenbedingungen ganz unterschiedlich darstellen.

Frage 2: Wie läßt sich die kulturverändernde Kraft neuer Medientechnologien zähmen?

Durch den Rückblick auf die Geschichte von "alten Medien" soll der Blick auf neue Medienentwicklungen geschärft werden: Der technische Aspekt, der momentan die Auseinandersetzung mit Medien beherrscht, darf menschliche Bedürfnisse und soziale Probleme nicht überdecken. Wir können neue Medienentwicklungen nicht bloß als technische Entwicklungen sehen, sondern müssen uns bewußt machen, daß sie mit kulturellen und sozialen Veränderungen einhergehen. Der Rückblick auf "alte Medien" zeigt, daß die Einführung neuer Technologien - etwa das Alphabet im antiken Griechenland (Kap. 4) - von sozialen Veränderungen begleitet war und gleichermaßen Erwartungen und Befürchtungen hervorrief. Die Unsicherheit in bezug auf das Lesen und Schreiben, aber auch ihr kreativer Gebrauch wirken oft wie eine ferne Spiegelung gegenwärtiger Medienentwicklung. Damals wie heute zeigen sich ähnliche Strategien und Verhaltensmuster mit dem Ziel, neue Kommunikationstechnologien kulturell zu bewältigen. Zur Darstellung dieser geschichtlichen Parallelen verwende ich den Begriff "Virtualität", dessen Bedeutung ich in Kapitel eins eingehend besprechen werde. Folgt man der dort vorgeschlagenen Definition von "Virtualität", dann wird man sehen, daß es immer Virtualität gegeben hat und daß sie nicht nur eine Eigenschaft ist, die neuen Medien zugeordnet werden kann.

Die Darstellung neuer Medien (Kapitel 6 bis 8) folgt also dem Gedanken, daß wir auch gegenwärtig um eine kulturelle Bewältigung von Technologien ringen. Kapitel sechs zeigt, welche Ideen ursprünglich hinter der Entwicklung des PCs standen und wie sich die fachlichen Diskussionen unter dem Eindruck der explosionsartigen Verbreitung der Computertechnologie zunehmend sozialen und kulturellen Aspekten der Computeranwendung öffneten. Die Kapitel sieben und acht sind dem World Wide Web gewidmet. Kapitel sieben zeigt die ursprünglichen Ideen, die zur Entstehung des Web als "Hypertext" führten. Kapitel acht zeigt, wie um politische und ökonomische Macht, aber auch um kulturelle Funktionen und Bedeutungen des Web gerungen wird. Es stellt dar, wie Virtualität erzeugt wird und wie versucht wird, je unterschiedliche Strategien durchzusetzen, mit denen Ordnung hergestellt und Virtualität bewältigt werden soll. Virtualität selbst wird je unterschiedlich interpretiert: einerseits als Anarchie und Bedrohung und andererseits als Laborsituation zur Entwicklung neuer Kulturformen.

Es ist das erklärte Ziel dieser Arbeit, dem Leser einige Zusammenhänge zwischen Kommunikationstechnologien und unserer Kultur sowie unserem Denken zu vermitteln bzw. sie in Erinnerung zu rufen. Es ist mir ein dringendes Anliegen, die Gestaltbarkeit von Technikentwicklung und damit von kultureller Entwicklung anschaulich zu machen. Gerade in jungen aber "mächtigen" Medien wie etwa dem Internet steckt ein gewaltiges Potential zur kulturellen Veränderung, das uns bewußt werden sollte.

Ich bedanke mich

für die Betreuung bei Univ. Prof. Helga Nowotny und Univ. Prof. Ulrike Felt;

für weiteres wissenschaftliches Feedback bei Bettina Heintz, Skúli Sigurdsson, Herbert Hrachovec, Richard Heinrich, Rupert Schmutzer und den zahlreichen Kollegen der Dissertanten-Seminare;

für finanzielle Unterstützungen bei meinen Eltern, Universität Wien (Förderungsstipendium), IFK (Junior Fellowship);

für Arbeitsmöglichkeiten und praktische Erfahrungen bei: Software Fabrik (insbesondere Ursula Soritsch), EDVG (insbesondere Hr. Rohringer), CALC, Web4Groups (insbesondere Roland Alton-Scheidl), Forschungsstelle für Sozioökonomie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Alexander Liachenko (Moskau);

für die lektorale Bearbeitung bei Kathrin Heinzel;

für Hilfe jeder Art und viele inspirierende Gespräche bei meiner Frau Claudia Pöllabauer.

Ihnen allen, Euch allen mein herzlicher Dank!