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CALC - DIE INTERAKTIVE ATELIERSKULPTUR
Wohn- und Arbeitsort ist Casqueiro, nahe der asturischen Kleinstadt Navia an der nordwestspanischen Atlantikküste. Die umliegende Landschaft ist ausgesprochen reizvoll, abwechslungsreich und auch im Sommer ausgesprochen grün. Vom Atlantik zieht unablässig feuchte Luft in Form von Wolken und Nebeln heran, die an den Gebirgen gestaut werden. Das Resultat sind häufige Regenfälle und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit. Bei Nebel ist der Übergang zwischen Wasser und Luft fließend. Die wildromantische Steilküste wird immer wieder von wunderschönen Buchten unterbrochen. Der Gezeitenunterschied beträgt ungefähr fünf Meter, ideal für Wellensurfer. Die Gebirge schließen zum Teil unmittelbar an die Küste an und stehen dieser an Reiz um nichts nach. Man lebt hier vor allem vom Fischfang, von Milchkühen und von ein wenig Tourismus.
Die landschaftlichen Besonderheiten und die kulturelle Tradition der Region sind für die Arbeitsweise und die Themenwahl des Kulturlabors Calc äußerst wichtig. Die Wahl für ein europäisches Randgebiet fernab der Metropolen ist natürlich kein Zufall, sondern basiert auf der Erfahrung, daß Entfernungen durch die Telekommunikation schwinden und somit Zusammenarbeit durch Raum und Zeit hindurch möglich wird. Der Kontakt auf persönlicher Ebene bekommt ein anderes Gewicht und ist frei von jener Flüchtigkeit, die die Metropolen kennzeichnen. Nicht zuletzt finden diese persönlichen Begegnungen in einer großartigen Natur statt, was nicht ohne Einfluß auf die Arbeitsweise und die Ergebnisse bleibt.
Calc als Kunst des Lebendenkensagens
Allein die geographische Randposition von Calc birgt also schon ein gehöriges Schnittstellenpotential. Legt man dem Differenzierungsprozeß in Zentren einerseits und Peripherien andererseits eine gewisse strukturelle Notwendigkeit zugrunde, dann scheinen Projekte wie Calc wie geschaffen zu sein, um hier bestimmte Austauschprozesse zu koordinieren. Eines der wichtigsten Prinzipien für einen koordinierten Austausch ist, daß man beide Seiten in ihrer Charakteristik erhält und nicht nach einer Nivellierung trachtet. Der Unterschied kann für beide Seiten von Vorteil sein.
Calc besteht derzeit aus den Mitgliedern Teresa Alonso (auch Resi oder Crazi Resi), Thomas Scheiderbauer (auch tOmi oder nur omi) und Lukas Brunner (auch Lux, Lukie und sogar Luxus). Die Gruppe ist für Neuzugänge grundsätzlich offen. In der Vergangenheit gehörten ihr bis zu fünf Mitglieder an. Alle drei kommen aus einem künstlerischen Umfeld und haben sich in Basel, ihrem Studienort kennengelernt.
tOmi Scheiderbauer erinnert sich: “Rückblickend betrachtet war alles schon von Anfang an in unseren Vorstellungen und Träumen, ohne daß wir es hätten benennen oder in klare Bilder fassen können. Dies ist uns erst mit der Zeit durch die Auseinandersetzung mit uns und mit anderen gelungen.” Die Idee, Calc oder etwas ähnliches zu gründen, entstand in Ägypten in den Jahren 1989 bis 1990. tOmi Scheiderbauer und Teresa Alonso beteiligten sich am Aufbau des Atelierhaus “Shabramant” in Kairo. Sie arbeiteten als Schreiner und Designer an der Fertigstellung des Ateliers und halfen Adel, dem Hausherrn, bei der Formulierung des Konzepts, in welchem sie vor allem das Nebeneinander verschiedener Arbeitsprozesse kritisierten.
Schon in der VIA Basel (Künstlergenossenschaft für Video- und Audiokunst) hatten sie erkannt, daß es zu wenig war, nur eine Infrastruktur mit anderen zu teilen und Kunst nebeneinander zu produzieren. Die Vorstellungen von einem idealen Atelierhaus konkretisierten sich, als sie den Bauunternehmer Sherif Al Ghamrawy kennenlernten. Sherif hatte den Traum im Sinai ein Dorf zu bauen. Teresa und tOmi sollten sich überlegen, wie ein Haus auszusehen hätte, das als Begegnungsort internationaler Künstler geeignet wäre. Die Aufgabe war faszinierend, und so entstanden die ersten Pläne und Konzepte.
Die kriegerischen Ereignisse im Irak und der Umstand, daß Ägypten ein sehr trockenes Land ist, und sich Teresa nach Grün sehnte, führten aber dazu, den Aufenthalt in Ägypten abzubrechen und sich anderswo nach einem geeigneten Ort für ihre Ideen umzusehen. Noch in der Wüste erzählte Teresa oft von ihrer grünen Heimat Asturias, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte. Man träumt von einem Atelierdorf, von einem Dorf als Nucleus für eine Neuentdeckung der Menschlichkeit und für menschlichere Begegnungen. “Etwa 50 hektaren land in klimatisch günstiger gegend, an einem kulturellen achsenpunkt vielleicht. man kann sich vielleicht ebensogut in schon bestehendem ein- und ausleben, die architekten auch umgehen, einzweidrei häuser kaufen und wie gehabt kunst lebendenkensagen, aber das schlösse eben die schlösser aus – die schlüsselkünstler.”
Das Konzept zu “Casarte” (Casa-Arte) in einem ehemaligen Schulgebäude trägt noch alle Züge eines Atelierhauses, um das herum weitere Häuser entstehen könnten. “klare öffnungen, hinter denen alle gegenteile sichtbar, leiseste töne hörbar sein müssen können. fenster: blick in die natur, in die öffentlichkeit. tür: schritt in die kultur, in die öffnung. wand: voraussetzung für blicke, schritte, dass fenster und tür licht und schatten wandern lassen. nicht: öffentlich-privat, sondern: öffentlich-öffnedich. das heißt in diesen (s) innen, dass es ein ort will geben, der das kind, den Menschen als einzelnen, unbedingten, eigentlichen würdigt und einlädt, das ‘ich’ zum besten zu geben. wie sieht das aus? wo kann das entstehen? kunstadt.”
Die Pläne mit Casarte zerschlagen sich. Übrig bleiben recht genaue Vorstellungen von dem, was man will bzw. nicht will. Teresa und tOmi fahren zurück nach Basel. Die Bücher von Flusser begeistern die beiden für die Telematik. Sie erweitern ihr Konzept radikal. Die physischen Begegnung im Atelierhaus wird mit der Immaterialität weitgespannter Netze gepaart. Rückkehr nach Spanien. Zwischenzeitliche Unterkunft in einem Wohnbüro mit Blick über Navia im achten Stock. Lukas Brunner stößt zur Gruppe. Zu dritt geht die Häusersuche los. Die Präferenzen von tOmi und Lukas liegen auf einem recht großen Neubau, der rasch für Calc-Zwecke adaptierbar werden kann. Teresa setzt auf Casqueiro, das als Haus extrem renovierungsbedürftig ist, aber größere Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Casqueiro verfügt über vier bis fünf Gartenterrassen, die sich für die Kultivierung ebenso eignen wie für die Erweiterung um neue Bauten. Teresa setzt sich mit ihrer Position durch und somit für ein langsameres, organischeres Entwicklungstempo. Das gesunde Augenmaß siegt über den “Grössenwahn”.
Calc als Feld der Interaktion zwischen Ich und Du
Zusammen mit der Architektin Marina Hämmerle beginnt Teresa mit der Ausarbeitung eines architektonischen Konzepts für Casqueiro. Die Pläne sehen im unteren Stockwerk ein telematisches Labor und ein kleines Büro vor. Oben die zwei Schlafräume und eine geräumige Wohnküche. Dem Essen ebenso wie dem kunstfertigen Zubereiten von Speisen, dem Mahl als Gelegenheit zur Begegnung haben die drei eine zentrale Stellung eingeräumt. Rund um diese Wohnküche liegt die Polythek, eine Kombination aus Biblio- und Videothek, Kunstsammlung und allem was zur Musik gehört. Beide Stockwerke sind durch eine außerhaus befindliche Erschließung miteinander verbunden. Rund um Casqueiro ist die Errichtung eines Schlafhauses, eines Waschhauses und in einer späteren Phase eines Werkstättenhauses und eines Wohn- bzw. Arbeitshauses für Gäste geplant. Platz soll sein für fünf bis fünfzehn Personen, also überschaubare Strukturen und Mengen.
Alles was an Projekten zukünftig in Casqueiro passiert, sollen Gemeinschaftsprojekte mit Calc im Calc-Kontext und mit direkter Beteiligung der Gruppenmitglieder sein. Calc ist eben mehr als bloße Infrastruktur und neutraler Arbeitsplatz. Es ist ein Ort des Zusammenlebens und des Zusammenarbeitens, weshalb Calc ursprünglich als Dorf konzipiert war. Der Dorfgedanke hat, wie viele andere Gedanken auch, eine ganze Reihe von Neuinterpretationen durchlaufen, was bezeichnend für den Differenzierungs- und Entwicklungsprozeß von Calc ist. Veränderungen in der Umgebung und Veränderungen in der Gruppe selbst haben diesen Prozeß vorangetrieben. Die Gruppe produzierte nicht zuletzt unter dem Einfluß von Gästen ständig neue Ideen, Vorstellungen, Träume und schließlich Kunst, die im Laufe der Zeit den Charakter von Tatsachen erhielten. Gefühle und Träume wurden immer gegenständlicher und realer: Mittlerweile gibt es zwei der erträumten Häuser sowie viele Freundschaften und künstlerische Projekte. Calc ist zu einem realen Organismus mit eigener Identität und Geschichte geworden. Dieser Organismus ist in der Lage, äußere Ereignisse vor dem Hintergrund eigener Vorstellungen aber auch eigener Erfahrungen zu verarbeiten. Er ist durch und durch kreativ, indem es immer neue Vorstellungen und Ideen hervorbringt, die als Hintergrund für Interaktionen mit der Umwelt dienen. Wie einzelne Lebewesen so sind auch Gruppen nicht in einem passiven Abhängigkeitsverhältnis von ihrer Umwelt, sondern verändern diese laufend durch ihre Selbstverwirklichung. Zentral ist bei Calc der Gedanke der Verwobenheit, des Wechselverhältnisses zwischen dem Einzelnen und einem allgemeinen Ganzen, das aus integrierten Einzelbeiträgen entsteht, sowie die Aufforderung an jeden Einzelnen und Vereinzelten, sich auf Calc zuzubewegen und an einem gemeinsamen kreativen Prozeß teilzuhaben.
Die Fragen um “Kommunikation und Isolation” bewegen sich bei Calc vor allem auf drei Ebenen. Die erste ist das Bett. Asturias ist Natur pur. Man schläft tief und träumt “viel”. Die Abgeschiedenheit bietet endlos leere Luft zum Atmen, Alleinsein und Sich-erinnern. Geplant sind ruhige, schattenbewußte Schlaf- und “Wasimmerzimmer”. Die zweite ist die Öffnung, die direkte Begegnung, die Bewegung, der Dialog, das Alltageinaus, das Zusammenleben. Das “Gemeinschaftsatelier” ist demnach im Bild vom im Kreis stehenden Sesseln zu fassen. Die Küche ist groß und der Tisch darin alles – vom Konferenztisch bis zum Romantisch. Die dritte ist die Absicht, das Haus als Sende- und Empfangsstation zu installieren. Mauern werden durch die Telekommunikation transparent durchlässig. Es geht darum, sich in die Netze der Wissenschaft, Ökonomie und anderer Zweige einzuknipsen und dialogisch zu schalten.
Jenseits von Kunst: Organische Ästhetik
Die Idee von Casqueiro und der interaktiven Atelierskulptur ist für das Verständnis und die Existenz von Calc zentral. Die Idee der “interaktiven Atelierskulptur” ist mit Calc gleichzusetzen. Natürlich ist niemand besser geeignet, als Calc selbst, um diese Idee zu erklären (siehe die Nachrichten von tOmi Scheiderbauer auf diesen Seiten).
Auf der anderen Seite hat die Entwicklung der Idee gezeigt, daß immer auch die Sichtweisen Dritter ideenverändernd wirkte. Calc war sich von Anfang an der Tatsache bewußt, daß die eigene Identität nur über einen Kommunikationsprozeß mit der Umwelt zustande kommt. Ein Satz Flussers, der oft in die Calc-Texte eingeflossen ist, verweist sehr schön auf diesen Umstand – und zugleich schon auf den inhaltlichen Schwerpunkt der interaktiven Atelierskulptur: “Wenn von Telematik die Rede ist, geht es um das Nahebringen des Fernen, also um Boten und Botschaften. Vor allem aber – dies ist den Menschen nicht immer bewußt – um jene wichtigste Botschaft, die besagt, daß wir nur zu uns selbst kommen können, wenn wir zum anderen kommen.”
Identität braucht das Konzept der Individualität, der Einzigartigkeit anderer, denn nur Wesen, die über diese Eigenschaft verfügen, können unser eigenes Dasein in einer Weise reflektieren, die Rückschlüsse auf unsere eigene Einzigartigkeit zuläßt. Wir verwirklichen unsere Existenz zwar als operational und informationell geschlossene Systeme, aber trotzdem oder gerade deshalb brauchen wir die Auseinandersetzung mit anderen, strukturell ähnlichen Wesen, die uns reflektieren. Die Entwicklungsgeschichte von Calc zeigt, daß dies nicht nur für Individuen, sondern in abgewandelter Form auch für Gruppen und ihre zentralen Ziele gilt.
Calc hat deshalb immer die Auseinandersetzung mit anderen Künstlern, aber auch mit staatlichen Einrichtungen gesucht, stieß aber nicht immer auf Verständnis. Im Kern sagen die öffentlichen Absagen immer das eine: “Wir finden das Projekt hochinteressant, sehen uns aber außerstande, Infrastrukturen zu unterstützen”. Calcs Interpretation von Kunst als Kommunikationsprozeß in eigens dafür geschaffenen Kommunikationsräumen wird nicht oder erst in Ansätzen akzeptiert. Mit den Absagen ist zwar nicht gesagt, daß das, was in Casqueiro passiert, nicht Kunst wäre, aber der Kunstcharakter des Gesamtprozesses wird bestritten.Die Neuordnung von Lebens- und Arbeitsverhältnissen, eine künstlerische “Versuchsanordnung” gilt (noch) nicht als Kunst. Zu durchscheinend, zu vage ist das Bild der Versuchsanordnung um dahinter nicht immer wieder das Bild der technischen und räumlichen Infrastruktur erkennen zu lassen. So entsteht der Begriff der “Infraskulptur” bzw. “der Atelierskulptur”. Dieser Begriff hat wie auch sonst viel bei Calc mit Joseph Beuys und seinem Begriff von der sozialen Plastik zu tun. Ziel der interaktiven Atelierskulptur ist es, Persönlichkeiten, Ideen und Gestaltungsformen aus den verschiedensten Bereichen (Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Kunst) zusammenzubringen und ihnen ideale Lebens- und Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dies geschieht einerseits in einer Workshop-/Werkstattatmosphäre, in der die teilnehmenden Personen physisch anwesend sind und andererseits mittels des telematischen Labors, das die zeit- und ortsungebundene Zusammenarbeit ermöglicht, indem Texte, Bilder und Töne übermittelbar werden. So reicht die Bandbreite der vorhandenen Werkzeuge vom Hammer über den Pinsel bis hin zum digitalen Video-Schnittplatz.
Calc ist allerdings nicht nur eine Hülle, in der sich Beliebiges ereignet. Calc existiert auch ohne Gäste, und so ist immer eine Grundstimmung, eine Grundatmosphäre, ein Motor vorhanden. In Gesprächen ist oft das Bild von der Zelle aufgetaucht: Mit Teresa, Lukas und tOmi als Zellkern, der den Stoffwechsel und die permanente Reproduktion dirigiert. Teresa ist im “Scientific American” auf einen interessanten Artikel gestoßen, der auch das Verhältnis zu Gästen zum Ausdruck bringt: Der Artikel berichtet von einer Symbiose, in der kleine Algen als Zellgäste in anderen Einzellern aber auch in Vielzellern Aufnahme finden und bestimmte Stoffwechselfunktionen übernehmen. Das Bild vom Zusammenspiel kleiner Zellen mit einer großen Zelle, das für beide Seiten von Vorteil ist, und die “organische Ästhetik” des Ganzen trifft den Sachverhalt Calc bzw. interaktive Atelierskulptur sehr gut.
Besonders gut kommt zum Ausdruck, daß Calc keine tote, vermittelnde Struktur ist, sondern selbst ein autonomer Organismus, der allerdings mit Gästen besser lebt. Ein organischer Prozeß, der sich durch Interaktionen aufrecht erhält und selbst ständig Interaktionen provoziert. Ein wunderschönes Bild für Kunst, wenn einem an dieser Etikette noch etwas liegen sollte, vor allem aber ein wunderschönes Bild für Leben, das die individuellen Grenzen überwindet.
Textredaktion: Paolo Bianchi.
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